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Jetlag vermeiden – was wirklich hilft auf Ost- und Westflügen

Was Jetlag biologisch ist und warum schon eine Stunde reicht

Jetlag entsteht, weil die innere Uhr – der zirkadiane Rhythmus – sich nicht so schnell verschieben lässt wie ein Flugzeug fliegt. Sie sitzt im suprachiasmatischen Kern im Hypothalamus und reagiert vor allem auf Lichtsignale aus der Netzhaut. Wenn Sie um 23 Uhr Ortszeit in Tokio einchecken, meldet Ihr Körper Wiener 16 Uhr und weigert sich, müde zu werden.

Ab etwa zwei Stunden Zeitverschiebung treten erste Symptome auf: Müdigkeit zu untypischen Stunden, fragmentierter Schlaf, Konzentrationsprobleme, manchmal Appetitlosigkeit oder Verdauungsverschiebungen. Die Faustregel der Barmer: Der Körper braucht etwa einen Tag pro überflogene Zeitzone, um wieder synchron zu sein. Bei einer Reise von Wien nach Los Angeles (9 Stunden Versatz) sind das rund neun Tage volle Anpassung – was bei einer einwöchigen Geschäftsreise bedeutet: Sie kommen kaum drüber, bevor Sie zurückfliegen.

Ost ist schwerer als West – und was Sie daraus mitnehmen

Flüge Richtung Osten sind anstrengender als Flüge Richtung Westen. Der Grund: Die innere Uhr lässt sich leichter nach hinten verschieben (länger wach bleiben) als nach vorne (früher schlafen gehen). Westflüge verlängern den Tag, Ostflüge verkürzen ihn. Wien-New York fühlt sich daher meist erträglicher an als Wien-Tokio – bei vergleichbarem Versatz von sechs bis sieben Stunden.

Konsequenz für die Vorbereitung: Bei Ostflügen einige Tage vor Abflug schrittweise früher schlafen gehen, bei Westflügen schrittweise später. Eine Verschiebung um 30 bis 60 Minuten pro Tag ist realistisch – mehr überfordert die innere Uhr. Wer drei Tage vor einem Sechs-Stunden-Ostflug jeden Abend eine Stunde früher ins Bett geht, kommt mit nur noch drei statt sechs Stunden Versatz im Hotel an.

Tageslicht ist der stärkste Zeitgeber

Licht steuert die innere Uhr stärker als jede Tablette. Helles Tageslicht morgens und vormittags am Zielort verschiebt den Rhythmus schneller als alles andere – 10.000 Lux Sonnenlicht entsprechen etwa dem Hundertfachen einer normalen Innenbeleuchtung. Eine Stunde draußen, idealerweise gleich nach dem Aufstehen, ist das effektivste Mittel.

Wichtig ist das Timing: Bei Ostflügen brauchen Sie morgendliches Licht am Zielort, bei Westflügen abendliches. Wer es falsch macht, verlängert den Jetlag. Tageslicht-Lampen mit 10.000 Lux helfen bei trüben Wintertagen oder wenn die Ankunft in einem dunklen Zeitfenster liegt – kosten 60 bis 150 Euro und reichen für 20 bis 30 Minuten Anwendung am Morgen.

Melatonin – was die Studienlage hergibt

Melatonin ist das körpereigene Hormon, das den Schlaf einleitet. Als Tablette eingenommen kann es die innere Uhr verschieben – in der Theorie. Die Studienlage ist solider als bei vielen anderen Reisemitteln, aber nicht überwältigend. Medizin-Transparent hat zehn Studien mit 984 Teilnehmenden ausgewertet (Cochrane-Review Herxheimer 2002) und fand einen Unterschied von rund 20 Punkten auf einer 100-Punkte-Jetlag-Skala zwischen Melatonin und Placebo – spürbar, aber nicht spektakulär.

Empfehlung der Studien: 0,5 bis 1 Milligramm Melatonin, eingenommen 30 bis 90 Minuten vor der gewünschten Bettzeit am Zielort. Höhere Dosen bringen keinen zusätzlichen Nutzen. Beginnen Sie am Ankunftstag und wiederholen Sie zwei bis vier weitere Abende. Melatonin ist kein klassisches Schlafmittel, sondern ein Zeitgeber – es macht nicht zwingend müde, aber es signalisiert dem Körper „jetzt ist Nacht“.

In Österreich sind Melatonin-Arzneimittel rezeptpflichtig (etwa Circadin 2 mg). Als Nahrungsergänzungsmittel in niedrigerer Dosierung ist die Substanz in Apotheke und Drogerie frei verkäuflich. Die Qualität schwankt erheblich – beim NEM-Produkt lohnt der Blick auf Hersteller und deklarierte Dosis.

Mahlzeiten als Zeitgeber – oft unterschätzt

Auch die Verdauung hat einen Tagesrhythmus, und auch der lässt sich neu programmieren. Essen Sie ab Ankunft strikt zu den Ortszeiten – Frühstück, Mittagessen, Abendessen. Im Flugzeug schlucken Sie idealerweise die Mahlzeit, die zur Zielort-Zeit gerade passt, und überspringen die anderen. Wer in der vermeintlichen Mahlzeit nicht hungrig ist, isst weniger – aber zur richtigen Uhrzeit.

Leichte, kohlenhydratbetonte Abendmahlzeiten helfen beim Einschlafen, eiweißbetonte Mahlzeiten am Morgen halten wach. Alkohol stört den Rhythmus zusätzlich – in den ersten drei bis vier Tagen am Zielort lieber weglassen.

Im Flugzeug auf Zielzeit umstellen

Die Uhr am Handgelenk auf Zielzeit umstellen, sobald Sie an Bord sitzen. Klingt trivial, ist aber ein psychologischer Anker. Schlafen Sie, wenn am Zielort Nacht ist, bleiben Sie wach, wenn dort Tag ist. Bei Tageslicht am Zielort lieber lesen, arbeiten, einen Film schauen – bei Nachtzeit am Zielort die Schlafmaske aufsetzen und versuchen.

Bei Westflügen länger wach bleiben, bei Ostflügen früh einschlafen. Wer auf dem Weg nach Tokio schon im Flugzeug auf japanische Zeit umstellt und entsprechend früh schläft, profitiert spürbar bei der Ankunft.

Vermeiden, was nicht hilft

Aufputschmittel wie hochdosiertes Koffein, Modafinil oder Energy Drinks verschieben den Jetlag, sie lösen ihn nicht. Sie machen die ersten Tage erträglicher, verlängern aber oft die Anpassungsdauer. Wer am Anreisetag durchhängt, hat zwei Optionen: Power-Nap (maximal 20 Minuten) oder durchhalten bis zur Ortszeit-Bettzeit.

Schlafmittel wie Benzodiazepine („Stilnox“, „Halcion“) helfen kurzfristig beim Einschlafen, fördern aber die Anpassung nicht. Sie sind keine Lösung für einen einwöchigen Aufenthalt – eher für einen einmaligen Notfalleinsatz im Hotel, wenn nichts anderes funktioniert. Die Barmer empfiehlt grundsätzlich, Schlaf- und Aufputschmittel beim Jetlag zu meiden.

App-Hilfe: Timeshifter und ähnliche Tools

Mehrere Apps berechnen aus Flugplan und Schlafmuster personalisierte Anpassungspläne – wann Sie Licht suchen, wann Sie Melatonin nehmen, wann Sie schlafen sollten. Timeshifter ist die bekannteste (von der NASA mitentwickelt, rund 25 Euro pro Reise oder als Jahresabo). Einfacher und kostenlos: der „Jet Lag Rooster“ im Browser. Der Mehrwert ist begrenzt bei wenig Versatz – bei Flügen über sechs Stunden Versatz aber spürbar.

Wann der Arzt sinnvoll ist

Bei chronischen Schlafstörungen, regelmäßigen Langstreckenreisen oder herzschwachen Patienten lohnt die Rücksprache mit der Hausärztin. Wer Antidepressiva, Blutdruck- oder Schilddrüsenmedikamente nimmt, sollte Melatonin nicht ohne Beratung einnehmen – es kann Wechselwirkungen haben. Schwangere und Kinder unter 12 sollten ganz auf Melatonin verzichten.

Kurz für die nächste Fernreise

  • Ein Tag Erholung pro Zeitzone als Faustregel
  • Ostflüge sind schwerer als Westflüge – früher ins Bett vorbereiten
  • Tageslicht am Morgen am Zielort ist der stärkste Zeitgeber
  • Melatonin 0,5 bis 1 mg, 30 bis 90 Minuten vor der Bettzeit am Zielort
  • Im Flugzeug Uhr und Essrhythmus auf Zielzeit umstellen
  • Keine Schlafmittel als Dauerlösung, Alkohol weglassen