Das Val d'Orcia südlich von Siena ist als ganze Landschaft Welterbe: 61.188 Hektar mit Hügelstädten, Gehöften, Zypressenalleen und der alten Pilgerstraße Via Francigena, von der UNESCO 2004 eingetragen. Die Landschaft wurde im 14. und 15. Jahrhundert von Sieneser Kaufleuten nach einem Idealbild guter Regierung angelegt. Dass sie so erhalten blieb, verdankt sie einem Niedergang: Nach dem Ende der Sieneser Macht im 16. Jahrhundert blieb das Tal vier Jahrhunderte lang arm und abseits, und die alten Strukturen wurden kaum verändert.
Ein Welterbe aus fünf Gemeinden
Zum Val d'Orcia gehören fünf Gemeinden: Castiglione d'Orcia, Montalcino, Pienza, Radicofani und San Quirico d'Orcia. Sie haben das Gebiet 1999 zum Regionalpark erklärt, die Grenzen des Parks sind heute auch die Grenzen des Welterbes. Laut UNESCO prägen das Tal flache Kreideebenen, aus denen fast kegelförmige Hügel mit befestigten Orten aufragen. Maler der Sieneser Schule haben diese Landschaft in der Renaissance zum Vorbild gemacht, später kamen Reisende der Grand Tour und heute Fotografen.
Angebaut werden Getreide, Wein, Oliven, Obst und Gemüse auf kleinen, gemischten Höfen, dazwischen liegen Heuwiesen und Weiden. Gruppen und Alleen von Zypressen markieren Siedlungen und Wege.
Pienza: die geplante Renaissancestadt
Pienza war ein mittelalterliches Dorf namens Corsignano, bis ein Einheimischer Papst wurde. Enea Silvio Piccolomini, als Papst Pius II., beschloss 1459, seinen Geburtsort umzubauen, und beauftragte den Florentiner Architekten Bernardo Rossellino. Laut UNESCO wurden hier zum ersten Mal die Städtebauideen der Renaissance umgesetzt, 1996 kam das historische Zentrum auf die Welterbeliste, acht Jahre vor dem Tal selbst.
Mittelpunkt ist die Piazza Pio II mit dem Dom, dem Palazzo Piccolomini, dem Palazzo Borgia und dem Rathaus. Der Dom ist außen reine Renaissance, innen erinnert er an die spätgotischen Hallenkirchen Süddeutschlands. Wenige Kilometer entfernt liegt Monticchiello auf einem Hügel mit weitem Blick.
Anfang September feiert Pienza die Fiera del Cacio, 2026 bereits zum 64. Mal. Höhepunkt ist das Cacio al Fuso auf der Piazza Pio II: Die Teilnehmer rollen Laibe Pecorino möglichst nah an eine Holzspindel in der Platzmitte, berichtet OK Siena.
Montalcino und der Brunello
Montalcino liegt über den Tälern von Ombrone, Orcia und Asso. Der Name kommt vom lateinischen Mons Ilicinus, Berg der Steineichen. Als Bollwerk der Republik Siena bekam der Ort eine mächtige Festung, deren Wehrgänge man begehen kann. Im Jahr 814 schenkte Ludwig der Fromme den Ort der Abtei Sant'Antimo.
Berühmt ist Montalcino für den Brunello. Laut Produktionsvorschrift des Konsortiums gelten dafür strenge Regeln:
- ausschließlich Sangiovese-Trauben
- nur aus dem Gemeindegebiet von Montalcino
- mindestens 24 Monate Reifung in Eichenfässern, danach mindestens vier Monate in der Flasche, beim Riserva sechs
- Verkauf frühestens ab 1. Jänner des Jahres nach Ablauf von fünf Jahren ab der Lese, beim Riserva nach sechs Jahren
Ein Brunello des Jahrgangs 2021 kommt also frühestens im Jänner 2026 in den Handel. Der Wein lässt sich laut Konsortium mindestens zehn und bis zu dreißig Jahre lagern. Das Tourismusbüro liegt in der Via Ricasoli 31.
San Quirico d'Orcia und die Zypressen
San Quirico d'Orcia liegt an der Via Francigena mitten im Tal, umgeben von einer Stadtmauer mit den meisten ihrer 14 Türme. Sehenswert sind die Stiftskirche der Heiligen Quirico und Giulitta, der Palazzo Chigi und die Horti Leonini, ein italienischer Garten aus dem 16. Jahrhundert.
Rund um San Quirico liegen die Motive, die man von Toskana-Bildern kennt. Laut Visit Val d'Orcia, dem offiziellen Tourismusportal der Region, findet man sie hier:
- Cipressini: der runde Zypressenhain auf einem Hügel an der Via Cassia SS2, nahe der Abzweigung nach Montalcino
- Gladiator-Zypressen: die Landschaft aus dem Film „Gladiator“ an der SP 146 von San Quirico nach Pienza, auf der linken Seite
- Cappella di Vitaleta und der Hügel des Guts Belvedere, beide im Gemeindegebiet von San Quirico
- Biancane: ein Aussichtspunkt an der Straße über La Foce vom Val d'Orcia nach Chianciano Terme, mit Blick über das Naturschutzgebiet Lucciolabella bis zum Monte Amiata
Thermalwasser: Bagno Vignoni und Bagni San Filippo
Bagno Vignoni gehört zu San Quirico und war schon bei den Römern als Bad bekannt. Den mittelalterlichen Platz füllt ein Steinbecken von rund 50 mal 30 Metern voll heißem Quellwasser, gespeist aus dem Vulkangebiet des Monte Amiata. Baden darf man darin laut italia.it nicht mehr, dafür gibt es Thermalhotels im Ort. Das Wasser fließt durch einen kleinen Kanal aus dem Ort zur Orcia, ein Spazierweg führt an den alten Mühlen vorbei.
Frei zugänglich ist das Thermalwasser in Bagni San Filippo, rund 16 Kilometer entfernt in der Gemeinde Castiglione d'Orcia. Dort bildet der Bach Fosso Bianco im Wald warme Becken. Bekannt ist die Balena Bianca, eine große weiße Kalksinterformation, deren Form an ein Walmaul erinnert.
Castiglione, Rocca d'Orcia und Radicofani
Castiglione d'Orcia wurde wegen seiner Lage an der Via Francigena auf einem Hügel gebaut, über dem Ort steht die Rocca Aldobrandesca. Gleich gegenüber, im Schatten des Turms von Tentennano, liegt das mittelalterliche Dorf Rocca d'Orcia.
Ganz im Süden, an der alten Grenze zwischen Toskana und Latium, liegt Radicofani am Fuß eines Basaltfelsens mit einer Festung. Dort hatte der berühmte Ghino di Tacco seinen Unterschlupf, den Dante und Boccaccio verewigt haben. Das große Gebäude der Posta, früher Gasthaus und Zollstation, stammt aus der Zeit der Medici.
Palio in Siena
Wer im Sommer ins Val d'Orcia fährt, kann den Palio in Siena einplanen. Das Pferderennen findet laut Gemeinde Siena jedes Jahr am 2. Juli und am 16. August auf der Piazza del Campo statt. Zehn der 17 Contrade treten an, die Reiter reiten ohne Sattel drei Runden um den Platz. Davor zieht ein historischer Umzug mit mehr als 600 Figuren in Kostümen durch die Stadt.
Unterwegs im Tal
- Auto: Die Orte liegen verstreut auf Hügeln, mit dem Auto ist man am flexibelsten. Die historischen Zentren sind in der Toskana meist Zonen mit beschränktem Verkehr, kurz ZTL, in die man nur mit Genehmigung einfahren darf.
- Öffentlich: Orte ohne Bahnhof sind mit Bussen erreichbar, die meist in der Nähe eines Bahnhofs abfahren.
- Taxi: Taxis halten in Italien nur an eigenen Standplätzen oder nach Bestellung, nicht auf Zuruf auf der Straße.
- Rad und zu Fuß: Die Schotterstraßen zwischen den Zypressen und Abschnitte der Via Francigena eignen sich für Rad- und Wandertouren.
Wer über Florenz anreist und ohne Gluten isst, findet Adressen im Beitrag Glutenfrei in Florenz. Einen anderen Teil Italiens mit steilen Hängen und Weinbergen beschreibt der Beitrag über die Cinque Terre.